Neulich auf dem Mittelaltermarkt

Das Burgfräulein stand hoch oben, dort an den Zinnen des Turmes, welche die Frau davor schützten herunterzufallen, hinunter im freien Fall, ein Fall, der sie ihrem Liebsten zwar schnell und effektiv näher gebracht hätte, aber das Vergnügen wäre im Angesicht des Aufpralles am Boden eher ein Kurzes gewesen. Wahrscheinlich nicht mehr als ein flüchtiges “Hallo!”. Realistisch gesehen wahrscheinlich eher nur ein erfreutes “Aaaah!”, abgerundet von einem spontanen Röcheln kurz nach dem Aufprall und ein leise gehauchtes “Uahh…!” beim Ableben. Vorstellbar wäre auch noch ein romantisches “Ich liebe dich!” mit darauf folgendem Kuss der zwei Protagonisten, natürlich romantisch angehaucht, naja, so romantisch es sein kann, eine Frau die Blut spuckt und vermutlich total zerbeult und deformiert ist, zu küssen und die zu allem Überfluss auch noch beim Kuss den Löffel abgibt, schließlich hätte sie immerhin noch warten können, bis man mit Mund (und Nase) weit genug von ihrem Kopf entfernt ist, um nicht ihren fahlen letzten Atem, den sie aushaucht, in sich einzuatmen. Aber sie fällt ja nicht, sondern steht oben an den Zinnen des Turmes und schaut hinunter zu dem Recken, der voller Tatendrang und verliebt – ja, wir unterstellem ihm einfach mal Verliebtheit und nicht Notgeilheit, das wäre nämlich unromantisch und so typisch unmärchenhaft! – am Fuße des riesigen Steinhaufens steht und nach oben schaut zum Burgfräulein, das da oben steht und hinunterschaut.

Und wie sie da so standen und guckten, kam ein Drache vorbei, auf dem zu allem Überfluss eine Hexe saß, auf dessen Nase eine Warze war auf der Haare sprießen und sich zu allem Überfluss auch noch Läuse eingenistet hatten. Zugegeben, auf dem ersten Blick sah man nur den Drachen mit der Hexe drauf, die Warze mit den Haaren und Läusen wurde einem erst Gewahr, wenn sie direkt vor einem stand und sich die kleinen juckenden Parasiten freudig piepsend – wir gehen mal davon aus, dass Läuse piepsen, wie im Comic, okay? – schon im eigenem Haupthaar (was denkt ihr denn bitte wo…?) gemütlich eingerichtet hatten.  Es bleibt die Frage, warum diese Hexe auf einem Drachen reitet und nicht auf einem Besen, aber das ist schnell beantwortet, denn weil es im Mittelalter keine großen Warenhausketten gab (denn schon damals sind sie bankrott gegangen, allerdings nur weil die Warentransportwege zu lang waren und deshalb immer mehr Waren an Kleinstunternehmen, genannt “Räuberei”, auf den Mittelalterautobahnen  verloren gingen), gab es keinen Ort, wo sich Hexen hätten preiswerte Besen kaufen können, mal ganz davon abgesehen, dass die Steuereintreiber auch den Hexen den letzten Pennie aus der Tasche schüttelten – obwohl sie auch ganz schnell hätten verhext werden können – weshalb die Hexe sowieso nur einen Besen hätte leasen können. Da das Leasen eines Gegenstandes im Mittelalter aber noch nicht erfunden war, blieb nur der Flugdrachenverleih. Aber gut, ich schweife ab.

Die Hexe mit Warze auf der Nase, auf der Haare wachsen in denen sich Läuse eingenistet haben fliegt also auf dem Flugdrachen vom Flugdrachenverleih in Richtung des Turmes mit dem Burgfräulein und dem Recken, die sich gegenseitig anschauen, weil sie eh gerade nichts anderes zu tun haben. Skurile Vorstellung, oder? Den Rest überlasse ich erstmal eurer Fantasie…

Tja, glücklicherweise bedeutet Mittelaltermarkt nicht, dass das oben vorgestellte Szenario eintritt, sondern, dass es noch viel schlimmer kommt!
Denn auf einem Mittelaltermarkt sind zwar keine Drachen (wenn man mal von den Taschen- und Hausdrachen ((auch Ehefrau genannt)) absieht) und auch wenige bis keine Türme mit Zinnen, die jemanden vor dem freien Fall mit einem sehr kurzen “Hallo!” oder einem freudigem “Aaaah!” und einem darauffolgendem “Uahh!” beim Ableben bewahren, aber es kommt schlimmer als in der Geschichte, denn man muss die Hexen durch Besucher ersetzen, die in ihrem Suff den Bierbauch, gepflegt mit viel Liebe zum Bier, Pfannkuchen, Tonnenweise Zwiebelmett auf viel zu wenig Brötchen, schön blutigem Steak, Mantateller mit extra Pommes Rot/Weiß und natürlich aktivem Couchsport (für alle die es nicht wissen: Couchsport = Sport im TV gucken), öffentlich unbekleidet zur Schau tragen. Darüber hinaus muss man sich die ganzen Leute vor Augen halten (wobei man diese doch am liebsten nichtmal sehen würde…), die völlig normal bekleidet über so einen Markt schlendern, ganz normal in Sandalen mit weißen Tennissocken von 1980, mit drei Löchern , zwei vorn, eins hinten (und wirklich weiß sind sie auch nicht mehr), Baracudashorts und Hawaiihemd, ein weißes Baseballcap und eine braune Sonnenbrille, dazu an den Armen Lederstulpen, die der Besucher genauso wie das Jungfernkränzchen für seine Frau und den Keuschheitsgürtel für die frau Mutter (wartet zuhause gespannt auf das, was ihr Sohn ihr zwecks Erfüllung des Auftrages “Bring mir was Sinnvolles mit!” mitbringt) auf dem Markt gekauft hat. Auch ein skuriles Bild? Na wundert euch nicht! Und seid froh, dass hier die Frau nicht weiter beschrieben ist.
Nun steht dieser merkwürdig anzusehende Besucher aber vor einem Marktstand, der Schwerter verkauft. Jeder geneigte Mensch weiß: “Schwerter sind nicht billig, die konnte sich im Mittelalter schon niemand leisten.”, so hat zumindest meine geschichtlich informierte Mutter mich immer abgewimmelt, als ich mal wieder vor einem Geschäft mit Holzschwertern stand und plärrte, ich wolle doch so ein Holzschwert haben (Drei Jahre später war ich voller Wut, weil das Geschäft schließen musste und hoffte, meiner Mutter würde es vor Schuldgefühle zerfressen – als dann aber anstelle des Holzspielwarengeschäftes ein Computerspielegeschäft dort einzog, war die Welt wieder in Ordnung). Jedenfalls fragte man sich, wie dieser modisch verirrte Trottel sich ein Schwert leisten konnte, natürlich auch noch das größte aus dem ganzen Angebot, ein Zweihänder, geschätzt 1,80m lang und gute 5 Kilogramm schwer, fünf kilo, die munter vom Hawaii-Toast in der Menschenmenge umhergeschwungen wurden und zwischen den ganzen Schreien, die nicht nur von Angst, sondern auch von Schmerz zeugten, war noch “Schau mal *hic* Tschastin (Justin), was der Papi alles kann *hic*” zu hören. Unweigerlich müsste man darüber nachdenken, stünde man in sicherer Entfernung, was wohl passieren würde, würde die engagierte Schaukampftruppe, die gewohnt cool und routiniert dem Zuschauer erstklassigen Schaukampf darbietet, in dieses Szenario eingreifen. Und wenn man schonmal fantasiert und dabei bedenkt, dass von solchen “Guck-mal-ich-hab-ein-Schwert”-Deppen auf Mittelaltermärkten eine ganze Menge umherlaufen, könnte man sich eine wundervolle epochale Schlacht wie bei Herr der Ringe vorstellen, ähnlich wie die vor den Toren Minas Thirith’s, nur, dass die Orks besoffen wären und die Ritter Gondors nicht solche bescheuerten Helme tragen würden.  Wirklich verlockende Vorstellung, dafür lohnt sich ein Besuch auf dem Mittelaltermarkt nun wirklich!

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